Johanna Schnuch & Pia Holtappels (2018) Interview zum Thema Frühe Mehrsprachigkeit

Es ist ein Vorurteil, das sich hartnäckig zu halten scheint: Zu viele Sprachen könnten Kinder verwirren und überfordern und wenn Kinder Zuhause und in der Schule sowieso schon mehreren Sprachen begegnen, dann muss doch nicht Plattdeutsch auch noch sein. Man kann auch anderer Meinung sein: Mehrere Sprachen erweitern den Horizont. Wer Plattdeutsch kann, hat leichteren Zugang zum Englischen, Niederländischen, Dänischen, Norwegischen und Schwedischen. Die Begegnung und das Erlernen des Niederdeutschen wirkt identifikationsstiftend. Die Regionalsprache zu lernen, macht reicher. Aber wie lernen Kinder eigentlich Sprache? Das Länderzentrum für Niederdeutsch hat an der Universität Köln nachgefragt. Dort wird das Thema seit Langem erforscht:

Johanna Schnuch war bis Oktober 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Englischen Seminar II der Universität zu Köln und hat dort im Bereich Zweitspracherwerb zum Thema Sprachbewusstheit promoviert. Jetzt arbeitet sie als Lehrerin an einer Grundschule. Pia Holtappels ist ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin am Englischen Seminar II der Universität zu Köln und promoviert im Bereich Zweitspracherwerb zum Thema Lesen im Englischunterricht der Grundschule. Im Rahmen verschiedener Projekte haben beide bereits mit unterschiedlichen bilingualen Kindertagesstätten zusammengearbeitet, die verschiedenen Konzepte dieser Einrichtungen kennengelernt und den zweisprachigen Alltag der Kinder miterlebt.

Wie drückt sich frühkindliches Sprachbewusstsein aus und wie lernen Kinder Sprache?

Sprachbewusstsein oder Sprachbewusstheit findet man auf vielen verschiedenen sprachlichen Ebenen, deswegen kann sie sich auch in vielen verschiedenen Formen zeigen. Anfangs ist es für Kinder schwierig, die willkürliche Verbindung zwischen der Sprache und dem, was sie beschreibt, zu verstehen. Fragt man ein Kind beispielsweise, ob das Wort Schmetterling oder das Wort Kuh länger ist, so ist die Antwort kleinerer Kinder häufig Kuh, da eine Kuh natürlich länger ist als ein Schmetterling. Irgendwann erkennen die Kinder, dass die Verbindung zwischen Sprache und dem, was sie bezeichnet, willkürlich ist und sie beginnen dann auch über Sprache zu sprechen. Sie akzeptieren, dass es für ein und dieselbe Sache verschiedene Bezeichnungen geben kann, sie können bestimmen, mit welchem Laut ein Wort beginnt, oder sie erkennen, wenn sich zwei Worte reimen. Schon Grundschulkinder können über verschiedene Sprachen und ihre Bedeutung in der Gesellschaft reflektieren oder sich Sprachlernprozesse bewusst machen. Sprachbewusstheit entwickelt sich insbesondere im Zusammenhang mit dem Schriftspracherwerb und dem Umgang mit anderen Sprachen. Gleichzeitig kann sie unterstützend beim Lesen und Schreiben sowie beim weiteren Sprachenlernen wirken, die ist aber nicht immer der Fall.

Wie Kinder ihre Muttersprache lernen, ist schwierig zu beantworten. Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass wir eine besondere, angeborene Fähigkeit besitzen, die uns das frühe Lernen eines solch komplexen Systems ermöglicht. Das heißt, wir werden nicht mit Sprache, aber mit der Fähigkeit, Sprache zu lernen, geboren. Zu der Frage, wie genau dieses angeborene, innere Vermögen aussieht und woraus es besteht, gibt es viele verschiedene Theorien. Nach einer einflussreichen Theorie ist eine abstrakte Grammatik, die die Ausgestaltung aller menschlichen Sprachen ermöglicht, angeboren. Wichtig scheint vor allem zu sein, dass wir sprachlichen Input benötigen, um dieses Hilfsmittel zu aktivieren. Das heißt wir müssen Sprache hören, um uns die Wortbedeutungen und Regeln zu erschließen und Sprache selber nutzen zu können. Die Entwicklung von Sprache verläuft nicht willkürlich; grammatische Phänomene werden beispielsweise in einer vorhersagbaren Hierarchie erworben. Ob wir dieses angeborene Sprachlern-Vermögen auch beim Lernen einer Zweitsprache nutzen können, ist bisher umstritten. Damit Kinder erfolgreich eine zweite Sprache lernen, sind jedoch drei wichtige Faktoren von großer Bedeutung: Input, Interaktion und Output. Kinder müssen die neue Sprache in einem authentischen Kontext von einem Muttersprachler oder kompetenten Sprecher der Sprache hören. Dies sollte in möglichst vielen verschiedenen, alltäglichen Situationen geschehen, damit den Kindern ein möglichst reichhaltiger Input geboten wird. Zusätzlich brauchen die Kinder die Möglichkeit, mit einem Sprecher der Sprache zu interagieren. In der Interaktion finden sogenannte „Verhandlungen“ über die Bedeutung unbekannter Wörter oder unbekannte grammatische Formen statt, die für den Spracherwerb von großer Bedeutung sind. Außerdem brauchen Kinder die Möglichkeit, selbst die Sprache zu produzieren. So können sie ausprobieren, was sie schon sagen können, sie erhalten Feedback dazu, sie erkennen, ob ihr Gegenüber sie versteht und sie stellen fest, was sie vielleicht noch nicht sagen können. Sowohl in der Erst- als auch in der Zweitsprache sind die Sprachlernprozesse kreativ. Kinder produzieren Formen wie „ich gehte“ oder „ich hab das weggebringt“. Es besteht kein Grund zur Sorge, im Gegenteil: Die kreativen Formen zeigen, dass Kinder bereits Regeln der Sprache erworben haben, die sie nun in verschiedenen (teilweise vielleicht zunächst unpassenden) Kontexten anwenden.

Kann im Kleinkindalter eine Sprache die andere wirklich überlagern und Probleme in der Schule erzeugen?

Obwohl es ein weit verbreiteter Glaube zu sein scheint, dass der Einsatz von zwei Sprachen Kinder überfordert, wird dies in der Wissenschaft nicht bestätigt. Stattdessen wurde festgestellt, dass Kinder sehr früh dazu in der Lage sind, zwei Sprachen voneinander zu unterscheiden. Wächst ein Kind mit zwei Sprachen auf, entwickeln sich diese nicht immer gleich schnell. Dies deutet auf eine frühe Trennung der beiden Sprachsysteme hin und ist kein Grund zur Sorge. Es ist auch nicht so, dass eine Sprache einen bestimmten Stand erreicht haben muss, bevor eine weitere Sprache hinzutreten kann. Die Sprachen überlagern einander nicht, sie entwickeln sich aber in der Regel domänenspezifisch. Spricht und hört das Kind zu Hause also z.B. nur die Sprache A, wird diese Sprache bezogen auf diesen familiären Bereich stärker entwickelt sein als eine Sprache B, während Sprache B sich in einem anderen Bereich, z.B. im Kindergarten, stärker entwickelt. Oftmals entwickelt sich dabei eine dominante Sprache, d.h. eine Sprache, in der sich das Kind wohler fühlt und die es häufiger nutzt. Hier handelt es sich meist um die dominierende Sprache in der Umgebung (in Deutschland meist Hochdeutsch), die auch in der Schule genutzt wird. Probleme können sich in der Schule ergeben, wenn einem Kind sogenannte „bildungssprachliche Kompetenzen“ fehlen. Dies ist jedoch keine Frage der Mehrsprachigkeit. Kinder, egal ob mehrsprachig oder einsprachig, die nur einen informellen, alltagssprachlichen Stil kennenlernen und wenig Erfahrung mit Literalität und Schriftsprache sammeln, werden es in der Schule besonders schwer haben. Für zweisprachig aufwachsende Kinder ist es wichtig, dass zumindest eine ihrer beiden Sprachen altersgemäß entwickelt ist. Ist die Sprachkompetenz in der ersten Sprache entsprechend ausgebildet, kann dies den Erwerb einer zweiten Sprache gut unterstützen. Bildungssprachliche Kompetenzen entwickeln sich z.B. durch Vorlesen und anschließende Gespräche darüber.

Welche Rolle hat eine Zweitsprache und wie kann man sie vermitteln?

Welche Rolle eine zweite Sprache für ein Kind spielt, kann ganz unterschiedlich sein, da dies einerseits auf die Sprache und andererseits auf das Umfeld ankommt. Eine zweite Sprache kann viele verschiedene Rollen spielen. Lebt ein Kind beispielsweise in einer Gegend, in der eine bestimmte Umgebungssprache gesprochen wird, wie Plattdeutsch im Norden Deutschlands, so kann diese Sprache eine kulturelle und eine soziale Rolle spielen. Durch das Sprechen der Sprachen fühlt das Kind sich einer bestimmten Gruppe von Menschen kulturell und sozial zugehörig. Außerdem kann eine zweite Sprache Einfluss auf die Identitätsbildung eines Menschen nehmen. Spricht beispielsweise ein Elternteil eine andere Sprache, so ist diese Sprache und auch die dazugehörige Kultur Teil der Herkunft des Kindes und für den Identitätsfindungsprozess von Bedeutung. Welche Rolle eine Sprache also für ein Kind spielt, lässt sich eigentlich nur im Einzelfall festlegen. Kinder können dies aber schon sehr früh selbst reflektieren, z.B. mit Hilfe eines Sprachenportfolios.

Wichtig für die Vermittlung bzw. den Erwerb einer Zweitsprache sind die bereits in der ersten Frage genannten Aspekte: Input, Interaktion und Output. Man muss dem Kind also reichhaltigen, authentischen Input bereitstellen. Dies ist zum Beispiel in einem Kindergarten gegeben, in dem eine Erzieherin/ein Erzieher diese Sprache konsequent spricht und möglichst viele ihrer Handlungen durch Sprache begleitet. Hier wird gleichzeitig die Möglichkeit zur Interaktion geboten. Wenn das Kind mit der Erzieherin / dem Erzieher interagiert, werden Wortbedeutungen und sprachliche Strukturen „verhandelt“ – z.B. wenn das Kind etwas nicht versteht und nachfragt und die Erzieherin/der Erzieher das Gesagte noch einmal umschreibt und Gesten und Mimik zur Hilfe nimmt, um sich verständlich zu machen. Außerdem sollten die Kinder dazu ermutigt werden, so viel wie möglich selbst zu sprechen, um Output in der jeweiligen Sprache zu produzieren. Gerade von jüngeren Kindern sollte man hier jedoch nicht zu viel erwarten. Es ist bereits ein großer Erfolg, wenn sie Aussagen in der neuen Sprache verstehen und darauf reagieren. Wichtig ist vor allem, dass das Kind merkt, dass in seinem Umfeld eine positive Einstellung gegenüber der zweiten Sprache herrscht. Es sollte erkennen können, dass es sich dabei um eine gleichwertige Sprache handelt, die für all das gebraucht werden kann, für das man auch die erste Sprache benutzen kann: zum Geschichten erzählen, zum Schimpfen, zum Lachen, zum Vorlesen, zum Spielen und um Handlungsaufträge zu geben. Vielleicht lassen sich die Kinder dazu ermutigen, die Sprache selbst auszuprobieren, wenn auch ein Erwachsener, der die zweite Sprache eigentlich noch nicht sprechen kann (z.B. eine zweite Erzieherin/ein Erzieher oder ein Elternteil), sich mal darin versucht, ein Wort oder einen Satz in der neuen Sprache zu sagen.

Kann man generell sagen, dass zwei Sprachen immer besser sind als eine – egal, um welche es sich handelt?

Wenn Kinder früh eine zweite Sprache lernen, haben sie einige Vorteile. Wenn man schon zwei Sprachen gelernt hat, ist das für den Erwerb weiterer Sprachen (z.B. in der Schule) nützlich. Kinder, die mit zwei Sprachen aufwachsen, haben in einigen Bereichen kognitive Vorteile und einige Fähigkeiten, die zur Sprachbewusstheit zählen, scheinen sich früher und schneller zu entwickeln. Diese Vorteile ergeben sich unabhängig davon, welche beiden Sprachen ein Kind lernt. Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive kann man die Frage also mit Ja beantworten.

Wie würden Sie den Mehrwert beschreiben, den Kinder mit auf den Weg bekommen, wenn sie früh Plattdeutsch lernen?

All die oben genannten Vorteile ergeben sich, wenn Kinder schon früh zwei Sprachen sprechen. Das gilt für Plattdeutsch ebenso wie für jede andere Sprache. Eine Sprache ist nicht nur Teil der Identität eines Menschen, sondern auch ein wichtiger Motor der kognitiven Entwicklung. Mehrsprachigkeit kann nicht nur für das weitere Sprachenlernen hilfreich sein, sondern auch auf kultureller Ebene verschiedene Sichtweisen liefern. In der Schule darf man heutzutage nicht mehr von einer „monolingualen Norm“ ausgehen, denn viele Kinder wachsen mehrsprachig auf. Im Unterricht sollte also auf die verschiedenen Sprachen der Kinder eingegangen werden. So wird den Kindern bewusst, dass sie über ganz besondere Kompetenzen verfügen, wenn sie Plattdeutsch können. Sie kennen nicht nur eine zweite Sprache, sondern auch ein Stück Kultur, das sie zeigen und später auch weitergeben können. Sie können eine zweite Sprache sprechen, die eben nicht jedes Kind in der Schule lernen kann (und muss), eine Sprache, die sie mit ihrer Familie oder ihrem Dorf verbindet. Der große Vorteil für ein Kind, Plattdeutsch zu lernen liegt aber v.a. auch darin, dass die Sprache – im Gegensatz zu „Schulsprachen“ wie Französisch, Englisch oder Spanisch – tatsächlich im Alltag von Familienmitgliedern bzw. Erzieherinnen und Erziehern gesprochen und gelebt wird. Lernt das Kind eine zweite Sprache erst in der Schule, ist der Input auf wenige Schulstunden begrenzt und spätestens ab der Sekundarstufe ist ein Leistungsdruck spürbar, der für das Sprachenlernen wenig förderlich ist. Beim Plattdeutsch-Erwerb in der Familie oder im Kindergarten ergeben sich hingegen tagtäglich vielfältige, authentische Möglichkeiten der Interaktion. Das Kind erhält reichhaltigen sprachlichen Input und kann sich im geschützten Rahmen der Familie oder des Kindergartens ausprobieren, d.h. es liegen optimale Bedingungen für den Spracherwerb vor.